Das Osterei

 


Anselm war Veganer. In vielen Ehejahren konnte er seine Frau mehr schlecht als recht davon überzeugen, wobei die Betonung mehr auf »schlecht« als auf »recht« lag.

Immer dann, wenn Ostern näher rückte, bahnte sich zwischen den beiden Streit an.
Henriette, seine Frau, wollte Ostereier und Anselm als überzeugter Veganer keine.

Diese Auseinandersetzung gab es schon viele Jahre. Sie gehörte zur Karwoche dazu, wie der Fisch am Karfreitag, den Anselm als Veganer natürlich auch nicht mochte und seine Frau machte sich nichts aus Fisch.

Heuer war das anders!

Als Henriette zwei Tage vor Palmsonntag erstmals von Ostereiern sprach, meinte Anselm nur:
»Ich bring welche mit!«

Henriette hatte sich schon innerlich auf einen längeren Disput eingestellt, nun fand sie erst mal keine Worte.

Anselm vertiefte das Thema nicht, er widmete sich, es war später Nachmittag, noch mal kurz vor dem Abendessen seiner Briefmarkensammlung. Da musste Einiges sortiert und geordnet werden. Briefmarkensammler finden immer was zum Ordnen.
Henriette gingen die Ostereier nicht aus dem Kopf.
Wenn da mal nicht eine Gemeinheit dahintersteckte.
Frauen sind in solchen Dingen von Haus aus misstrauisch.

Deshalb ging sie rüber ins Wohnzimmer und sagte zu ihm:
»Ach Männe, ich komme morgen eh in die Stadt, da kann ich die Ostereier auch besorgen!«

Anselm saß noch über seinen Briefmarken, grunzte ein wenig und antwortete: »Wenn Du meinst!«

Noch bevor Henriette was erwidern konnte, redete Anselm weiter:
»Du weißt doch, dass ich mich konzentrieren muss. Bitte Henriette, lass mich alleine!«

Das war nicht böse gemeint und seine Frau wusste, dass er nicht gerne bei seinen Briefmarken gestört wurde. Also trollte sie in die Küche und richtete das Abendbrot.

Es gab allerlei Gemüse, mal roh, mal gedünstet, natürlich mit veganem Öl. Kräuterseitlinge, Tofuwürstel und was weiß ich noch alles. Es war eine ganz bunte Mischung.

Wie sehr sehnte sich Henriette nach einem panierten Schnitzel mit Kartoffelsalat. Kein Tofuschnitzel, ein richtiges vom Schwein, dazu ein Bier.
Sie kam ins Schwärmen, setzte sich an den Küchentisch und stellte sich vor, der Kräuterbrätling wäre ein frisch aufgebackener Leberkäse und die gedünsteten Gemüsewürfel ein Szegediner Gulasch. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Mit einem Seufzer beendete sie ihren Traum und holte die Flasche Wasser aus dem Kühlschrank.

Anselm war nicht nur vegan, sondern auch Abstinenzler. Er verkostete Wasser, am liebsten ein Stilles bei Vollmond abgefüllt und linksdrehend. Limonaden oder sogar Cola waren allesamt Teufelszeug.
Neben Wasser nahm er nur selbstgepressten Gemüsesaft zu sich. Henriette ekelte sich geradezu vor der trüben Brühe.

Ostern rückte näher und Henriette kaufte zehn bunt angemalte Ostereier von richtigen Hühnern.
Die stellte sie gleich nach dem Einkauf in einem Bastkörbchen auf den Küchentisch. Daneben platzierte sie ein paar Frühlingsblumen, nämlich 3 gelbe Narzissen und drei rote Ranunkel in einer Vase.

Anselm war noch bei der Arbeit.

Gespannt war sie auf seine Reaktion, wenn er kurz nach siebzehn Uhr nach Hause kommen würde.

Sie zog eine frische geblümte Bluse an und legte etwas Rouge auf.
Im Radio wählte sie Bayern 1, da kamen um diese Zeit immer Oldies, die er so sehr mochte.

Es wurde Viertel nach fünf und er kam nicht.

»Wir unterbrechen unser Programm wegen einer dringenden Durchsage!
Wie die Polizei soeben mitteilte, besteht der Verdacht, dass im Raum Passau vergiftete Ostereier im Umlauf sind.
Ein Bekennerschreiben mit eindeutigem Inhalt wurde der Heimatredaktion der PNP zugespielt. Die Bevölkerung wird gebeten keine Ostereier zu verzehren!«

Dann meinte der Sprecher noch, die Kriminalpolizei arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung des Falles. Unverzüglich sei eine »Soko Osterei« gegründet worden.

Henriette musste sich erst mal hinsetzten.
Hatte Anselm was damit zu tun?

Dieser kam soeben freudestrahlend nach Hause, legte seine Aktentasche auf der Anrichte im Flur ab und kam zu ihr in die Küche.

»Sorry, für die Verspätung!«, sagte er zu ihr, »ich musste noch eine Kleinigkeit erledigen!«



 

16.4.17 12:00

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