Das mit dem Schreiben ist so eine Sache
mal flutscht es mal geht gar nichts. Momentan geht es gerade mal so, könnte besser sein. So, jetzt habe ich meinen schriftstellerischen Zustandsbericht definiert. Ja, es entstehen neue Geschichten, an älteren wird herum gefeilt und noch ältere werden in die ewige Schublade befördert, wobei diese Schublade eine externe Festplatte ist, die ein Sammelsurium von Unausgegorenem enthält.
Immer wieder stelle ich fest, dass ich konsequenter mit dem Schreiben sein muss. Manchmal fehlt die Zeit, ein anderes mal die Ideen. Dann kommt Ablenkung dazu.
Und nun ist Mitternacht vorbei und ich bin müde.
Philosophisches zum Jahresanfang
genau ... so was schreiben viele. Ein neues Jahr fordert dazu heraus. Kluge Gedanken werden gesponnen, Geistesblitze werden niedergeschrieben und Plattitüden zum x-ten mal zum Besten gegeben. Da gibt es die Neujahrsansprachen, die Absichtserklärungen und die Vorausblicke. Alles haben wir schon gehört, alles wurde schon mal durchgekaut und das meiste davon ist Abklatsch. Aber es wird nochmal gesagt und nochmals beschworen. Deshalb wird es nicht wahrer.
Donnerlottchen
"Donnerlottchen" entfuhr es Eddy, als er die Brünette die Treppe heraufkommen sah. Kein Begleiter weit und breit, na da macht der Beruf doppelt Spaß. Sicher, sie war nicht mehr die Allerjüngste, aber sie sah blendend aus. Ganz Gentleman positionierte er sich an der Bar und drehte spielend sein Glas auf der Theke. Es war Kamillentee drinnen, Alkohol während des Dienstes war nicht gerade verboten, aber er trank nie Alkohol während der Arbeit. Eddy war Animateur auf dem Schiff und verantwortlich für den Tanzsalon auf dem Oberdeck. Jeden Abend betanzte er alleinstehende Damen und übte sich dabei in vornehmer Zurückhaltung. Das Trio Paranoia, zwei Männer, der eine mit Halbglatze, der andere mit Vollbart und eine Frau mit Bubikopffrisur in grellen Leggins, baute gerade die Instrumente auf. Die Tische waren so früh am Abend nicht mal zur Hälfte besetzt, aber das würde sich bald ändern.
"Sie sind Eddy", Sie stand neben ihm und sprach sogar seinen Namen richtig aus. Eddy mit zwei D und einem Ypsilon. Darauf legte er größten Wert. Ein langgezogenes E mit einem schalen D konnte er nicht ab. Gerade die Wiener mit ihrem schwirbeligen Zungenschlag brachten ein besonders widerwärtiges Eediii hervor. Aber sie hatte die richtige Phonetik, ein klares exaktes E mit zwei wundervoll gesprochenen Ds dahinter. "Willkommen an Bord gnädige Frau, sie kennen meinen Namen?" Die dunkelblaue Samtschleife verlieh ihm eine etwas antiquierte Noblesse, die ihm gut stand. "Sie sind eine Institution auf dem Schiff, mein Lieber." Ihr Lächeln war zauberhaft. Hörte er da einen Hauch italienischer Sprachmelodie? Er bemerkte das bei ihrer Aussprache von "Schiff". Da klang fast lautlos ein weiches E dahinter. "Danke für das Kompliment Signora." Spontan war er von der gnädigen Frau zur Signora gewechselt. "Versprechen sie mir heute Abend einen Walzer?" Eine Antwort wartete sie erst gar nicht ab. Mit einem "Ciao Eddy", da war es wieder, dieses lustvolle E mit den phonetisch so stark geprägten zwei Ds, lies sie ihn an der Bar stehen und verschwand.
Mittlerweile waren fast alle Tische besetzt. Sie saß in der zweiten Reihe und nippte an einem Glas Prosecco. Das Trio Paranoia begann mit dem Walzer "Donau so blau". Noch bevor Eddy den ersten Schritt in Richtung Signora tun konnte wurde sie von einem feisten Herren im beigefarbenen Sakko aufgefordert. Ursprünglich war der Walzer "An der schönen blauen Donau" betitelt, ein erst später dazu gedichteter Text fängt mit "Donau so blau" an. Der beigefarbene Sakko konnte nicht tanzen. Er trippelte und trappelte auf dem Parkett herum, es war zum Erbarmen. Immer mehr Paare drehten sich im Walzertakt. "Donau so blau ..." Eddy ging an die Arbeit. Er forderte eine blasse Mittfünfzigerin auf, die, wie sich bald herausstellte, richtig gut tanzen konnte. "Donau so blau ..." Eddy überquerte mit seiner Dame im Linksherum die Tanzfläche. Die frisch ondulierten Haare, der schmale Oberlippenbart verliehen ihm eine Aura von oberösterreichischem Landadel, dabei war er ein waschechtes Ruhrpottgewächs aus Bottrop, der mit richtigem Vornamen Edelbert hieß. Der Vollbart an der Orgel hob die Hand, der letzte Akkord hallte nach, dann kam verhaltener Applaus auf. Das beigefarbene Sakko und die Signora waren verschwunden.
Eddy lies nur wenige Tanzrunden aus. Er brachte es auf fünf Gläser Kamillentee und vierzehn Tanzpartnerinnen. Nur einen einzigen Korb bekam er. Wenig später stellte sich allerdings heraus, dass die Dame an Unterzucker litt und eilig in den Sanitätsraum gebracht werden musste. Das beigefarbene Sakko hatte sich umgezogen und erschien nun im dunkelblauen Zweireiher, er saß darin noch feister aus. Die Signora blieb verschwunden. Kurz vor Mitternacht erschien der Kapitän und absolvierte seinen Pflichttanz, wie er sich ausdrückte, mit einer Dunkelhaarigen im geblümten Neckholder-Chiffonkleid. Eddy hatte vorher mit ihr einen Tango getanzt, der ganz passabel über die Runde ging. Der Kapitän begnügte sich mit einem Foxtrott, er konnte außer Foxtrott nicht wirklich tanzen. Wie eine humpelnde Raubkatze bewegte er sich auf dem Parkett mit viel zu großen Schritten. Der beigefarbene Sakko jetzt im Zweireiher malträtierte eine burschikos aussehende Lady, die eher in ein Fitnessstudio als in einen Tanzsalon passte. Pünktlich um vierundzwanzig Uhr gingen die Scheinwerfer aus, der Salon war in Kerzenlicht getaucht, der Schneewalzer wurde intoniert und Damenwahl angesagt. "Unser Tanz Eddy", sie stippte ihm von hinten auf die Schulter. Er berauschte sich an dem mediterran gesprochenen E, den beiden sinnlichen Ds, selbst das Ypsilon kam wie samt über ihre Lippen. Nun stand sie in einem atemberaubenden Kleid vor ihm. "Darf ich bitten." Sie flogen über die Tanzfläche. Die Paare stellten sich im Kreis um sie herum. Wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Jede Drehung, jeder Schritt war ein Schweben. Als er wieder zu sich kam lag er im Sanitätsraum neben der Unterzuckerung.
Er habe sich übernommen sagte der herbeigerufene Arzt, maß den Blutdruck mit Hundertfünfundvierzig zu Fünfundachtzig und verordnete ihm einen Tag Ruhe. Bedröppelt schaute Eddy zur Decke, bemerkte die flackernde Neonröhre und lies einen langen Seufzer hören. Die Unterzuckerung neben ihm war mittlerweile auf dem Transport ins Krankenhaus. Der Jüngste war er nicht mehr, seine Arbeit hatte ihm immer Spaß gemacht. Na ja, nicht immer, aber meistens. Sein Blackout war total, an Nichts mehr konnte er sich erinnern. Er wusste nur noch, dass er schwebte, hörte den Schneewalzer, dann wurde es dunkel. E-D-D-Y vernahm er schemenhaft …
E --- D …
Die Signora, mein Gott, was musste sie von ihm denken. Unterm Tanzen abgeschmiert. Jetzt fühlte er die Beule an seinem Kopf, sie pochte immer stärker. Was er zunächst als Maschinengeräusch ortete war sein Brummschädel, dass Schiff lag ja in Bratislava fest. Mit einem süffisanten Lächeln kam Klaus herein. "Na alter Knabe, wieder fit?" Klaus war der Zahlmeister des Schiffs, sie kannten sich eine Ewigkeit. "Selbst im Sturz warst du elegant, alle Hochachtung mein Lieber."
Eddy stierte wieder zur Decke, immer noch flackerte die blöde Röhre. "Deine Tanzpartnerin versuchte sich sogar in Mund zu Mund Beatmung. War aber gar nicht nötig", schob er nach. Eddy fuhr mit der Zunge über seine Lippen. "Wo ist sie jetzt?"
"In ihrer Kabine nehme ich an."
Antonia Vivaldi lag auf ihrem Bett, das türkisblaue Kleid war lässig über den Stuhl geworfen. Jetzt trug sie einen legeren Hausanzug in Karminrot. Die Rosen auf dem Beistelltisch kamen vom dem Herren im dunkelblauen Zweireiher. Antonia erinnerte sich an seinen Mundgeruch der sich mit Minzepastillen vermischte. Sie erinnerte sich an Eddys Eau de Toilette von Armani. Mit einem wohligen Seufzer streckte sie sich aus, legte die Vogue zur Seite und schloss die Augen. "Der letzte Gigolo", darüber wollte sie eine Serie schreiben. Der Tipp mit Eddy kam vom Kapitän des Schiffes, einem Freund ihres Exmannes. Sie kam nicht umhin in Eddy eine angenehme Erscheinung zu sehen. Vielleicht eine Spur zu antiquiert, aber sympathisch, sehr sympathisch. Ein halbes Leben verbrachte er als Eintänzer. Was für eine Story. Jetzt musste nur noch Eddy mitspielen.
Wir haben den größten und schönsten Weihnachtsbaum
Zwei Buben laufen von der Schule nach hause. "Was bekommst Du zu Weihnachten?"
"Einen neuen Skipullover und vielleicht eine Lok für meine Eisenbahn."
"Und DU?"
Die Augen des Buben werden starr,
"Ich bekomme immer alles, eine tolle Carrera Rennbahn, Eine Stereoanlage einen Videorecorder, eine Playstation, -alles"
Und dann wird die Stimme monoton, kalt, wie auswendig gelernt. "Unser Weihnachtsbaum ist der Schönste und Größte. Vater schenkt Mutter viele Goldene Ringe und Ketten - und ich, ich kann mir alles wünschen"
Die beiden Buben trennen sich, jeder geht das letzte Stück seines Weges alleine.
"Mutter, der Andreas bekommt immer alles, - sie haben den größten und schönsten Weihnachtsbaum”
“Wasch Dir die Finger, wir essen gleich, und bitte hilf Papa beim Aufräumen im Keller!"
Drei Straßen weiter, in der Betonwüste der Großstadt.
Der Bub geht langsamer, wer genau hinsieht, eine Träne rinnt über die Backe.
Er muss sich strecken um den Haustürschlüssel vom Fenstersims zu greifen. Er sperrt auf.
Keiner Ruft, "wasch Dir die Hände, wir essen gleich!"
Ein Dunst von kaltem Zigarettenrauch schwelt in der Küche, im Kühlschrank halb geleerte Schnaps und Whiskyflaschen. Salzstangen sind das einzig Essbare.
Es klopft an der Haustüre, der Bub öffnet, ein Einschreibebrief.
Der Postbote fragt nach der Mutter. “ Die ist nicht da"!
Er steckt den Brief wieder weg, auf dem Absender steht - Jugendamt
Mit ungelenker Schrift schreibt der Zwölfjährige auf ein Blatt seines Schulheftes.
"An die Justizvollzugsanstalt”
,"Lieber Papa … "
Die Küchentür fliegt auf "Sitz nicht so blöd da rum, hol mir Zigaretten!"
Der kindliche Körper zuckt zusammen, die kalten Augen suchen nicht mehr, abgestumpft, der Bub steht auf, geht zur Tür. "Und dann ziehst Du Leine, geh ins Kino, oder sonst wo hin. Lass Dich heute nicht mehr hier blicken!"
Sie zieht die Vorhänge zu.
Der Bub geht durch den Hausflur, öffnet die Wohnungstür, schaut zurück. Ein Kalender neben der Küchentür flattert, 24 Dezember, Heiligabend.
In die Wohnung huscht ein angetrunkener Mann, vorbei an einem Zwölfjährigen mit einer Träne im Auge.
Wir haben den größten und schönsten Weihnachtsbaum.
Der Blick in die Zukunft
Immer waren sie hoch angesehen und trotzdem lebten sie gefährlich. Die Seher und Traumdeuter konnten, so behaupteten sie zumindest, in die Zukunft schauen. Sie nannten das "Weissagen", "Traumdeuten" und "ein Gesicht haben". Immer war und ist es der Wunsch der Menschheit aus der Gegenwart heraus in die Zukunft zu blicken. Die Schamanen der Urvölker gaben sich dieser Beschäftigung hin, die Priester des Orakels von Delphi deuteten die in Trance gesprochenen Worte der Phythia. Im antiken Rom lasen die Auguren aus den Eingeweiden von Tieren die Zukunft oder sie deuteten den Vogelflug. Wallenstein verließ sich auf seinen Sterndeuter Seni. Vor kurzem sah ich eine lange Menschenschlange vor einem Zelt stehen, in dem eine Wahrsagerin ihre Dienste anbot. Aus Kristallkugel, Handlinien und Tarotkarten lesen sie den Gutgläubigen die Zukunft, natürlich nur gegen Bezahlung versteht sich. Kommen wir zu den Wahrsagern der Vergangenheit zurück. Sie lebten in höchstem Maße gefährlich. Traf ein Ereignis nicht ein, das sie vorausgesagt hatten, konnte es sie Kopf und Kragen kosten. Die Mächtigen dieser Welt ließen sie blenden, die Zunge herausreißen oder töten. Klassische biblische Geschichten ranken sich um die Traumdeutung. So erklärte Josef im 1. Buch Moses Kap. 41 dem Pharao seinen Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren. Der Traum der Menschheit in die Zukunft blicken zu wollen ist lange nicht ausgeträumt. Seit den 80er Jahren machen sich wissenschaftlich ausgerichtete Zukunftsforscher ans Werk. Eine Menge einschlägiger Institute wurde gegründet. Die Forschungsprojekte sind unüberschaubar, so gut wie keine Disziplin wird von ihnen verschont. Immer wieder beteuern sie, wie wissenschaftlich doch ihre Methoden seien. Es gibt brennende Themen, die die Menschen in der Zukunft beschäftigen müssen. Wie lange reichen unsere Energiequellen? Welche Länder stehen vor einer Wasserknappheit. Wie schnell erwärmt sich die Erde? Was passiert mit dem Ozonloch? Computermodelle statt Kristallkugel und Großrechner statt Tarotkarten. Können sie die Zukunft realistischer aufschlüsseln? Der Mensch, der in der Vergangenheit mit seiner Natur in Einklang lebte, konnte aus dem Verhalten der Tiere und aus Wetterbeobachtungen seine Schlüsse ziehen und sich gegen so manche Unbill der Zukunft wappnen. Wir modernen Menschen haben diese Fähigkeit weitestgehend verlernt aus der Natur heraus zu erfahren und zu lernen. Wir brauchen Computerprogramme und Hightech um die Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Zukunft zu erkennen. Und wenn wir sie erkennen heißt das lange nicht, dass wir einsichtig werden und unseren Umgang mit dieser Welt in der wir leben zu ändern.
Gedanken sind Rätsel unserer Seele
Die Nachdenklichkeit ist so eine Sache für sich. Kaum steuerbar beschäftigt sie unseren Geist, macht glücklich oder fröhlich, macht unglücklich und sogar traurig.
Der „Gedankenblitz“ hinein in das erlebte Leben gehört genau so dazu wie die Sehnsüchte einer schlaflosen Nacht.
Gedanken erliegen nie unserem Willen. Sie haben immer etwas Revoluzzerisches an sich. Sie brechen aus, verselbstständigen sich, gehorchen nicht unserer Vernunft.
Gedanken können nie vollständig in Worte gesetzt werden. Das Aussprechen der Gedanken und das Niederschreiben benötigt eine Selektion der Worte, damit ist der freie Gedanke schon eingeengt.
Ein aufgeschriebener Satz steht für eine feste Zeit, der Gedanke an sich ist zeitlos. Er ist unruhig und lässt sich nicht fesseln.
Er will sich nicht vom gesprochenen Wort gängeln lassen.
Gedanken sind in dem Moment, in dem sie gedacht sind, absolut. Erst die Überlegung danach relativiert sie. Der formulierte Gedanke ist in ein Schema gepresst.
Gedanken sind nie „nur“ Worte. Im Geiste entstehen Bilder, Emotionen, Stimmungen und Gefühle. Worte allein machen noch keinen Gedanken.
Aus einer inneren Unruhe heraus entstehen vielfältige Überlegungen. Ungeordnet und unstet rasen sie in unserem Hirn.
Aber sie entstehen nicht nur in unserem Gehirn. Dahinter verbergen sich Seele und Herz. Nur der Mensch in seiner Ganzheit kann Gedanken erklärbar machen. Unverhofft schnellen sie heraus und vermitteln eine Geisteswelt die bunter und vielfältiger nicht sein könnte. Die Phantasie ist eine besondere Form der Gedanken.
Sie sind Stimmungen unterworfen. Auch der glücklichste Mensch kann in seiner Seele traurig sein; unsere Gedanken beleuchten beides, nicht nur das Oberflächliche. Sie steigen hinab in unser Innerstes und konfrontieren uns damit. Sie produzieren Zuneigung, Liebe, Hass und Gleichgültigkeit.
Sie werden zur menschlichen Leidenschaft.
Klarheit und Offenheit vermischen sich mit Zweifeln und Ängsten.
Sie geben uns immer wieder ein Rätsel auf.
Das alte Volkslied „Die Gedanken sind frei“ ist um 1790 entstanden.
Es verkörperte damals wie heute den Wunsch das zu sagen was man denkt. Oft ein gefährliches Unterfangen auch noch in unserer heutigen Zeit.
Ich wünsche mir viele Menschen mit freien Gedanken. Sie verdienen unser aller Respekt.
Neuer ZwillingsBlog
In nächster Zeit werden mehr Texte erscheinen, also habe ich mir einen Zwillingsblog gebastelt:
Beide blogs werden mit der Facebookseite "Fabrizius" verlinkt.